Montag, 24. Dezember 2007

Eine Schnecke geht nach Bethlehem

Das Kind


Endlich war sie am Ziel. Den ganzen Tag war die Schnecke in den Gassen der Stadt Bethlehem herumgeirrt, ohne recht zu wissen, wo sie das Kind suchen sollte. Sie hatte nach einigen Stunden die Orientierung verloren, ein Haus erschien ihr wie das andere, eine Straße wie die andere. Schließlich wußte sie nicht mehr, wo sie war.

Der Abend kam, es dämmerte, in den Häusern wurden die Lichter angezündet. „Wenn der Stern heute nicht aufgeht, weiß ich, daß ich mich verirrt habe“, dachte die Schnecke. „Vielleicht hätte ich doch mit der Karawane nach Jerusalem ziehen sollen.“ Aber der Stern ging auf. Strahlend stand er über ihr, die Nacht wurde taghell, und sie sah, daß sie am Ziel war. Da war ein Stall, da waren die Eltern, da war das Kind. Um sie herum standen all die anderen: der Wolf, der Räuber, die Frau, der Lahme, der Spaßmacher, der Hirte, das Schaf - alle waren da, nur die Raupe nicht. Die saß sicher noch auf ihrem Kohlkopf.

Als die Schnecke das Kind sah, erschrak sie. Es war so winzig klein und sah so hilflos aus, daß sie sich nicht vorstellen konnte, daß dies der versprochene Erlöser sein sollte. Trotz aller Sorgen und Zweifel hatte sie nie geahnt, wie ärmlich, wie alltäglich der König der Welt aussehen würde. O ja, sie hatte gewußt, daß er kein Schloß haben würde, daß er schutzlos und klein sein würde. Aber sie hatte gedacht, er würde ganz aus Licht sein, ganz aus strahlender Helligkeit. Nun war da nichts als ein Säugling, wie es tausende auf der Erde gab.

„Es war alles umsonst“, dachte sie. „Was konnte ich mir von einem neugeborenen Kind erwarten!“ Da sah das Kind sie an. Zwischen all den Menschen hindurch sah es auf die Schnecke und lächelte sie an, und sie fühlte sich auf einmal so leicht, als wären alle Sorgen von ihr genommen. Nichts bedrückte sie mehr, Hunger und Durst waren vergessen. Das Kind streckte seine Hand aus, und leicht und froh kroch sie ihm entgegen.

1 Kommentar:

Patricia hat gesagt…

Jetzt habe ich die Geschichte von Anfang bis Ende verfolgt. Sie ist sehr schön. Hab Dank dafür.

LG Patricia und ein geruhsames Weihnachtsfest.