Samstag, 22. Dezember 2007

Die Schnecke geht nach Bethlehem

Der Ochse


Ein Ochse stand in der Wiese und fraß Gras, und um ein Haar hätte er die Schnecke mitgefressen. „He“, rief sie empört, „kannst du nicht aufpassen?“ - „Entschuldigung“, brummte der Ochse. „Ich habe dich nicht gesehen. Ich wollte dir nichts tun.“ - „Immer müssen die Kleinen unter den Großen leiden“, beschwerte sich die Schnecke. „Sag das nicht“, entgegenete der Ochse bedächtig. „Ich zum Beispiel muß sehr unter den Menschen leiden. Dabei sind sie viel kleiner als ich. Von früh bis spät plagen sie mich. Daß ich hier in Ruhe ein paar Grashalme zupfen kann, kommt mir sehr selten vor.“

„Es tut mir leid“, sagte die Schnecke, „ich wollte dich nicht kränken.“ - „Schon gut“, brummte der Ochse. „Aber nun sag mir doch, was du hier überhaupt suchst. Du bist nicht aus unserer Gegend, sonst hätte ich dich schon mal irgenwo gesehen. Wenn man den ganzen Tag unterm Joch geht, schaut man immer zu Boden, mußt du wissen.“ - „Nein, ich bin nicht von hier. Ich bin auf einer weiten Reise. Ich suche den Erlöser der Welt.“ - „Nimm mich mit“, bat der Ochse. „Ich will ihn bitten, daß er meinem Herrn gehörig die Meinung sagt. Er soll ihm verbieten, mich zu prügeln und mir Arbeit für zehn aufzuhalsen, aber Futter für einen halben! Er soll...“ - „Aber er ist doch ein Kind“, unterbrach ihn die Schnecke. „Er wird ja erst geboren.“ Der Ochse war eine Weile still. Er kaute, kaute. Dachte nach. „Ein ganz kleines Kind“, sagte er dann. „Man muß aufpassen, daß ihm nichts geschieht. Wenn es wirklich der Erlöser ist, dann wird es eine Menge Leute geben, denen das nicht paßt. Wenn die Unterdrücker nicht mehr unterdrücken dürfen, die Erpresser nicht mehr erpressen, die Schläger nicht mehr schlagen... Man muß auf das Kind aufpassen!“

„So habe ich das noch gar nicht gesehen“, sagte die Schnecke überrascht. „Aber du und ich - was können wir schon tun?“ Wieder überlegte der Ochse lange. „Viel können wir sicher nicht tun“, brummte er schließlich. „Aber immerhin: wenn du es findest, sag ihm, daß in meinem Stall immer Platz ist. Ich habe ein wenig Heu und Stroh, ich kann es wärmen, wenn es friert. Und ein bißchen aufpassen kann ich auch, wenn seine Mutter schlafen will. Sag ihm das.“ - „Das will ich tun“, sagte die Schnecke.

Keine Kommentare: