Donnerstag, 20. Dezember 2007

Die Schnecke geht nach Bethlehem

Der Alte


Wenige Schritte von der Schnecke enfernt saß ein alter Mann und starrte zum Abendhimmel empor.. Langsam wurde es dunkel. Die Schnecke strengte ihre kurzsichtigen Augen an und suchte den Horizont ab. Da war er: ihr Stern. Strahlend hell stieg er auf, und wieder fühlte sie fast schmerzlich das Ziehen in ihrem Fuß, dem sie nun schon so lange folgte.

„Ich verstehe das nicht“, murmelte der alte Mann, der wie sie gebannt zu dem Stern hinaufblickte. „So lange hat uns der Stern geführt, aber nun steht er an der falschen Stelle.“ - „An der falschen Stelle?“ fragte die Schnecke verwundert. „Aus meinen Büchern“, sagte der Alte, „weiß ich, daß dieser Stern die Geburt des neuen Königs der Juden anzeigt. Nun scheint er aber über der Stadt Bethlehem zu stehen - der König jedoch kann nur in Jerusalem geboren werden.“ - „Du irrst dich“, sagte die Schnecke. „Der da geboren werden soll, ist nicht nur der König der Juden, er ist der König der ganzen Welt. Kein Schloß der Welt wäre groß und prächtig genug für ihn. Er könnte genauso gut in einer Hütte oder einem Stall geboren werden - seiner Größe würde das keinen Abbruch tun. Warum sollte es also unbedingt Jerusalem sein?“

Der Mann sah die Schnecke herablassend an. „Du verstehst nichts von solchen Dingen. Ein König wird in einem Königsschloß geboren, und das steht in Jerusalem. Punktum.“ Damit raffte er seine Schriftrollen zusammen, die im Sand verstreut lagen, und entfernte sich langsam in die Nacht. Wahrscheinlich gehörte er zu der Karawane, die den ganzen Tag über an der Schnecke vorbeigezogen war.

Die Schnecke starrte lange zu dem Stern hinauf. „Er steht über Bethlehem“, sagte sie, „daran ist kein Zweifel. Mir scheint, daß ich den neugeborenen König schneller finden werde als dieser gescheite Herr.“ Und bedächtig machte sie sich wieder auf den Weg, dem Stern entgegen, nach Bethlehem.

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