Montag, 17. Dezember 2007

Die Schnecke geht nach Bethlehem

Der Stein


Mitten auf dem Weg lag ein riesengroßer Stein. Er war so groß, daß die Schnecke ihn für einen Berg hielt. Sie machte sich daran, ihn zu besteigen. Mühsam kroch sie an seiner schrundigen Kante hoch. Es war fast Mittag, als sie oben ankam. Nach einer kurzen ebenen Strecke ging es kopfüber wieder hinunter. Gegen Abend kam die Schnecke wieder auf dem Erdboden an und erst jetzt wurde ihr klar, daß sie den ganzen Tag damit vergeudet hatte, über einen Stein zu kriechen, den sie in einer Stunde hätte umgehen können.

Sie war sehr zornig. „Du dummer Stein!“, schrie sie außer sich. „Du kostest mich einen Tag meines Lebens! Einen ganzen Tag ohne Essen, ohne Trinken, und das alles für nichts und wieder nichts. Warum legst du dich mir in den Weg? Was hast du gegen mich?“ Aber der Stein blieb stumm. Die Schnecke sah zum Himmel hinauf. „Stern“, rief sie, „du Stern, der in meinem Fuß zieht, daß ich laufen muß und immer weiter laufen, warum zeigst du dich nicht? Warum führst du mich Wege, die bloß Mühe und Plage sind und nirgendwohin führen? Warum läßt du mich nicht in Ruhe?“ Aber sie bekam keine Antwort. „Gott“, sagte sie, „warum läßt du das zu?“ Aber der Himmel blieb stumm. Da ging sie in ihr Haus und weinte.

Keine Kommentare: