Samstag, 15. Dezember 2007

Die Schnecke geht nach Bethlehem

Der Hirte

Es regnete. Zuerst war es nur ein feines, leichtes Nieseln. Die Schnecke reckte sich wohlig und ließ die Feuchtigkeit in ihre Haut einziehen. Seit Tagen hatte sie sich danach gesehnt, den Reisestaub loszuwerden. Am liebsten hätte sie vor Behagen gesungen. Aber leider können Schnecken nicht besonders gut singen. Später wurde der Regen stärker. Die Straße verwandelte sich in einen See, und es war kein Vorwärtskommen mehr. Die Schnecke suchte sich eine erhöhte Stelle am Wegrand, zog sich in ihr Haus zurück und beschloß zu schlafen, bis der Regen nachließ.

Erst am Abend wagte sie sich wieder hinaus. Die Straße war fast trocken, und die Schnecke fühlte sich so ausgeruht, daß sie beschloß, trotz der Dunkelheit noch ein Stückchen zu kriechen. Obwohl ihre innere Unruhe immer größer wurde, war von dem Stern, den sie suchte, noch nichts zu sehen. Spät in der Nacht kam sie an ein kleines Feuer. Rundum lagen Schafe und schliefen, am Feuer saß ein halbwüchsiger Junge und spielte auf einer kleinen Flöte eine traurige Melodie. „Warum spielst du mitten in der Nacht auf deiner Flöte?“ fragte die Schnecke, „und warum ist dein Lied so traurig?“ - „Weil ich Angst habe“, antwortete der Junge. „Wovor hast du Angst?“ fragte die Schnecke. „Vor der Dunkelheit“, sagte der Junge, „und vor dem Wolf.“ Die Schnecke sah zum nachtschwarzen Himmel hinauf. „Den Wolf schreckt deine Flöte nicht“, sagte sie „und vor der Dunkelheit mußt du dich nicht mehr lange fürchten. Bald wird ein Stern aufgehen, der alle anderen Sterne überstrahlt. Dann wird einer geboren, der die Finsternis besiegt.“

„Das verstehe ich nicht“, sagte der Hirte. „Ich auch nicht“, sagte die Schnecke. „Es ist eine uralte Weissagung. Sie ist schwer zu begreifen, aber wenn ich daran denke, vergeht meine Angst.“ - „Fürchtest du dich auch?“ - „Die ganze Welt macht mir Angst“, antwortete die Schnecke. „Wenn der nur bald käme, der uns hilft!“ - „Meinst du, daß er auch zu mir kommt?“ - „Gegen den Wolf mußt du dir selber helfen. Aber Angst und Dunkelheit wird er besiegen.“ - „Dann sag mir schnell, wo er ist. Ich will hinlaufen und ihm mein schönstes Lied vorspielen.“ - „Du mußt warten, bis der neue Stern aufgeht. Unter dem Stern wirst du ihn finden.“ - „Das ist gut. Ich werde nun jede Nacht Ausschau halten. Einstweilen kann ich ja schon ein bißchen üben.“ Er nahm wieder seine Flöte und es schien der Schnecke, als wäre sein Lied schon viel fröhlicher.

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