Freitag, 14. Dezember 2007

Die Schnecke geht nach Bethlehem

Die Hexe


Vom Dorf herüber tönte lautes Kindergeschrei: „Hexe! Hexe“ Eine alte Frau kam auf dem Weg, sie ging gekrümmt an einem Krückstock und trug einen Korb. Der Schnecke, die sonst nicht an Hexen glaubte, wurde ein wenig unheimlich. Vorsichtshalber zog sie sich in ihr Haus zurück. Als die alte Frau herangekommen war, bückte sie sich, hob die Schnecke auf und setzte sie an den Wegrand.

„Paß auf“, sagte sie freundlich, „sonst tritt dir jemand auf dein hübsches Haus.“ Die Schnecke schob ihren Kopf ein Stückchen heraus. „Bist du tatsächlich eine Hexe?“ fragte sie besorgt. „Natürlich nicht“, antwortete die Alte, „es gibt doch keine Hexen.“ - „Aber die Kinder haben es dir nachgerufen“, sagte die Schnecke. „Das lernen sie von den Erwachsenen. Und die sagen es, weil ich viel kann, was sie nicht verstehen: ich kenne Kräuter und Pilze, ich bereite Tees und Salben, ich heile Krankheiten, ich rede mit den Tieren. Das ist ihnen unheimlich. Wer anders ist, wird ausgestoßen.“ - „Oder ausgelacht“, sagte die Schnecke, die an den Spaßmacher dachte. Die alte Frau nickte. „Außerdem mögen sie mich nicht, weil ich häßlich bin.“ - „Du hast doch schöne Augen“, sagte die Schnecke. „Sehen sie das nicht?“ - „Niemand sieht an mir etwas Schönes“, murmelte die Alte. „Doch, einer“, antwortete die Schnecke, „der, zu dem ich unterwegs bin.“ - „Wer ist das?“ fragte die Alte eifrig. „Wie kommt man zu ihm?“ Die Schnecke beschrieb ihren Weg, soweit sie ihn wußte. „Ich gehe mit“, sagte die Alte aufgeregt. „Geh du nur einstweilen voraus. Ich ziehe mir geschwind noch eine frische Schürze an und packe etwas ein: Heilkräuter, Hexenschußsalbe und eine Flasche Beerenwein. Man kommt schließlich nicht gern mit leeren Händen.“

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