Mittwoch, 12. Dezember 2007

Die Schnecke geht nach Bethlehem

Der Baum


Die Schnecke ruhte im Schatten eines Maulbeerbaumes aus. Sie war müde und hungrig. Sehnsüchtig sah sie hinauf in das dichte Laub. „Ach, wirf mir doch bitte ein Blatt herab“, bat sie. „Bis in deine Krone hinauf ist es für mich eine Tagesreise.“ Doch der Baum raschelte nur verächtlich mit seinem Laub. „Für eine ordinäre Schnecke bin ich mir viel zu schade“, lispelte er. „Du siehst doch, daß ich ein Maulbeerbaum bin. Eigentlich müßte ich Seidenbaum heißen, denn von meinen Blättern können sich Millionen Seidenraupen ernähren. Aus ihrem Gespinst werden dann Meter um Meter feinste Seide gewebt. Man müßte mir dankbar sein. Aber was tut man stattdessen? Man erwartet, daß ich auch noch Schnecken durchfütterte, dumme, unnütze, eklige Tiere!“

„Mit einem einzigen Blättchen“, sagte die Schnecke leise, „könntest du mein Leben retten.“ „Wer bist du denn schon, daß es der Mühe wert wäre, dein Leben zu retten?“, fragte der Baum spöttisch. „Ich bin das Beste, was es gibt“, antwortete die Schnecke: „Ein Geschöpf Gottes.“ - „Das wird etwas Feines sein“, höhnte der Maulbeerbaum, „für mich bist du nichts als ein langweiliger, schleimiger Schleicher.“ - „Der Schleim schützt meinen Fuß vor Verletzungen. Ich gehe darauf wie auf einem weichen Teppich. Das ist doch eine feine Sache“, sagte die Schnecke ruhig. „Und was das Schleichen betrifft: ich wette, daß ich schneller laufen kann als du.“ Darauf wußte der Baum keine Antwort. So hüllte er sich in Schweigen. Nach einer Weile flatterte ein kleines Blättchen vor der Schnecke zu Boden. Mit Heißhunger begann sie daran zu nagen. „Vielen Dank“, sagte sie, als sie satt war. „Deine Blätter sind wirklich besonders fein.“ Der Baum antwortete nicht. Die Schnecke wandte sich zum Gehen. „Nun trage ich auch das Rauschen deiner Blätter in meinem Haus“, sagte sie. „So nehme ich ein Stück von dir mit zum Kind unter dem Stern.“ Der Baum sah ihr lange nach und schämte sich ein bißchen.

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