Dienstag, 11. Dezember 2007

Die Schnecke geht nach Bethlehem

Der Spaßmacher


Eines Tages traf die Schnecke auf einen Menschen, der im Gras saß und weinte. Dicke Tränen liefen über sein Gesicht und tropften auf seinen seltsam buntscheckigen Anzug. Er sah aus wie ein großer Schmetterling, der in den Regen gekommen war. „Warum weinst du?“ fragte die Schnecke. „Weil mir kein Spaß einfällt“, schluchzte der Mann. „Wenn dir sonst nichts fehlt...“ wunderte sich die Schnecke. „Mir fällt auch nicht ständig etwas Spaßiges ein, aber deshalb weine ich nicht gleich!“ „Du bist ja auch nur eine Schnecke. Du mußt nichts können als langsam sein. Aber ich bin ein Spaßmacher. Mir müssen immer wieder neue Späße einfallen, damit ich die Leute zum Lachen bringe. Das ist mein Beruf.“ - „Aha“, sagte die Schnecke, obwohl sie es nicht verstanden hatte. Der Spaßmacher betrachtete sie neugierig. „Was tust du hier eigentlich?“ „Ich bin auf Reisen“, antwortete die Schnecke. „So, so, auf Reisen“, kicherte der Spaßmacher. „Und wohin soll die Reise gehen, wenn ich fragen darf?“ - „Nach Bethlehem, glaube ich.“ - „Nach Bethlehem“, lachte der Mann, „glaubst du!“ Er ließ sich rücklings ins Gras fallen und wollte sich ausschütten vor Lachen. Eine Zeitlang sah die Schnecke von ihm nur die Beine, die vor Vergnügen zappelten. Sie verstand immer noch nichts. „Bitte“, fragte sie schließlich schüchtern, „warum lachst du?“ - „Nach Bethlehem!“ gluckste der Mann, „ausgerechnet du willst nach Bethlehem! Eine Schnecke! Und zudem scheint mir, weißt du gar nicht genau, ob du wirklich nach Bethlehem willst! Und selbst wenn du wirklich und wahrhaftig nach Bethlehem willst: Das schaffst du nie in dem Tempo! Nie im Leben! Das ist ja zum Totlachen!“ Wieder wälzte er sich lachend im Gras.

Die Schnecke sah ihm eine Weile verwundert zu. Es schien ihr, als könne er gar nicht aufhören zu lachen. „Was sind das für seltsame Leute, die es spaßig finden, wenn ein anderer in Schwierigkeiten ist“, dachte sie. Bedächtig machte sie sich wieder auf den Weg. Als der Mann sich endlich von seinem Gelächter erholt hatte und nach ihr sehen wollte, war sie längst im hohen Gras verschwunden. Unterwegs nach Bethlehem.

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