Montag, 10. Dezember 2007

Die Schnecke geht nach Bethlehem

Die Dohle


Eines Morgens sah sich die Schnecke zu ihrem Schreck plötzlich einer alten Dohle gegenüber, die sie aus gelben Augen anstarrte. Schnell zog sie sich in ihr Haus zurück, aber die Dohle lachte nur. "Weißt du, was ich mit Schnecken mache, die in ihrem Haus sitzen und meinen, ich könnte sie nicht fressen?" krächzte sie. "Ich packe sie mitsamt ihrem Haus und werfe sie aus der Luft hinunter auf einen Stein. Dann zerspringt das Haus, und ich lasse mir die Schnecke schmecken. So einfach ist das! Aber du hast Glück: im Augenblick habe ich keinen Hunger."

"Du nennst es Glück, ich nenne es Fügung", antwortete die Schnecke gelassen. "Wo ist da der Unterschied?" fragte die Dohle. "Der Unterschied besteht darin, daß täglich Hunderte von Schnecken von Dohlen gefressen werden, Hunderte Erdbeeren von Schnecken, Hunderte Dohlen von Adlern (die Dohle sah sich erschrocken um) - daß ich aber glaube, daß Gott mir erlaubt, an mein Ziel zu kommen. Und darum wirst du mich heute nicht fressen." - "Dann sage mir, wo dein Ziel ist", rief die Dohle spöttisch, "damit ich dich hinterher fressen kann." - "Mein Ziel", sagte die Schnecke versonnen, "ist ein Stern." - "Oho, ein Stern!" krakeelte die Dohle, "Willst du das Fliegen nicht lieber uns Vögeln überlassen?" - "Der Stern, fuhr die Schnecke unbeirrt fort, "zeigt mir den Ort, wo ich das Heil der Welt finde." - "Das ist mir zu hoch", sagte die Dohle. "Was ist das - Heil der Welt?" - "Das ist einer, der aller Not und allem Leiden ein Ende bereitet. Der Frieden bringt und Freude. Von dem die Propheten erzählt haben, und den Gott selbst uns schickt."

"Du meinst, er kommt tatsächlich auf die Erde? Dann könntest du ihn bitten, daß er dafür sorgt, daß in Zukunft die Adler keine Dohlen mehr fressen!" - "Und die Dohlen keine Schnecken?" - "Wo denkst du hin? Soll ich vielleicht verhungern?" - "Nun", sagte die Schnecke, "ich denke, wir lassen alles beim alten." Und bedächtig ging sie ihren Weg weiter. Die Dohle saß auf ihrem Stein und sah ihr lange nach.

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