Donnerstag, 6. Dezember 2007

Die Schnecke geht nach Bethlehem

Der Junge


"Schneck, Schneck, Schniere, zeig mir der Hörner viere, Schneck, Schneck komm heraus, sonst kommt die Maus und frißt dich aus!" Neugierig streckte die Schnecke den Kopf aus ihrem Haus, aber schon wurde sie von einem flinken Finger auf ihre zarten Fühler getippt, daß sie sich erschrocken zurückzog. Wieder hörte sie den Reim. Vorsichtig schaute sie heraus, sofort wurde sie wieder schmerzhaft gestoßen. Und wieder ging das Singen los.

Diesmal ließ sie sich nicht hereinlegen. "Wenn du mich jedesmal antippst, schaue ich nicht mehr heraus, da kannst du singen, soviel du magst!" schimpfte sie aus ihrem Haus. "Aber das macht doch Spaß!" - "Dir vielleicht", meinte die Schnecke. "Mir tut es weh. Schließlich sind die Fühler meine empfindlichste Stelle. Von Hörnern keine Rede - meine Augen sind das! Findest du es lustig, wenn dir ständig jemand in die Augen tippt?"

Keine Antwort. Ganz vorsichtig, Millimeter für Millimeter schob sich die Schnecke aus ihrem Haus. Da saß ein Junge, nicht älter als sechs, sieben Jahre, und schaute sie mit großen Augen an. "Sind das wirklich deine Augen? Tatsache?" fragte er flüsternd. "Tatsache", antwortete die Schnecke nicht ohne Stolz. "Das finde ich toll", sagte der Junge. "Das hätte ich nie gedacht. Kannst du damit auch um die Ecke schauen?" - "Klar", antwortete die Schnecke und sie drehte ihre Fühler ein bißchen, damit er sehen konnte, wie beweglich sie waren. "Aber nun muß ich weiter, ich habe noch einen langen Weg vor mir."

"Wo willst du hin?" - "Ich suche einen, der mir meine Last abnimmt. Aber der ist noch weit weg. Heute abend möchte ich den Baum da erreicht haben." - "Den alten Maulbeerbaum?" Das Kind lachte. Dann sang es: "Schnick-Schnack-Schneck, schnell in dein Versteck!" Gehorsam zog sich die Schnecke in ihr Haus zurück. Der Junge hob sie vorsichtig auf und sprang zum Maulbeerbaum. Im Nu war er dort, und nun durfte die Schnecke auch wieder herauskommen. "Heute brauchst du nicht mehr weiterzugehen", lachte der Junge. "Vielen Dank für deine Hilfe", sagte die Schnecke. "Dafür erzähle ich dir eine Geschichte." Und sie erzählte die Geschichte von dem Kind, auf das die ganze Welt wartete, und das unter einem Stern geboren werden sollte.

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