Mittwoch, 5. Dezember 2007

Die Schnecke geht nach Bethlehem

Der Räuber

Die Schnecke wußte noch nicht, wo der Stern aufgehen würde, und auch nicht, wann. Sie überließ sich ganz dem Ziehen in ihrem Fuß und vertraute darauf, daß es sie den richtigen Weg führen würde.

So wunderte sie sich auch nicht, als sie eines Tages über den ledernen Stiefel eines Mannes ging und weiter hinauf bis ans Knie. "He, was soll das?" rief der Mann, dem das Knie gehörte. "Soll ich dich zerquetschen?" - "Warum solltest du mich zerquetschen?" fragte die Schnecke verwundert. "Weißt du nicht, daß ich Habakuk bin, der größte Räuber aller Zeiten?" "Ich kenne bloß einen Propheten Habakuk, von dem in der Bibel erzählt wird, und der ist schon lange tot. Er hat übrigens gesagt: "Weh dem, der sein Gut mehrt mit fremdem Gut!" Das betrifft dich, falls du tatsächlich ein Räuber bist." - "Ich bin einer. Nicht, daß es mir Spaß macht! Ehrlich gesagt, finde ich es einen ganz abscheulichen Beruf. Aber ich habe nichts anderes gelernt, und inzwischen habe ich mich daran gewöhnt. Immerhin bin ich schon fast fünfzig Jahre alt!" - "Es ist nie zu spät, sich zu ändern", sagte die Schnecke. "Aber wie soll ich ein anderes Leben anfangen, wenn mich keiner mag? Es weiß doch jeder, daß ich ein Räuber war. Mich kann doch keiner leiden!" - "Einer kann dich leiden", antwortete die Schnecke. "Das ist der, dessen Bote der Prophet Habakuk war. Ich könnte mir vorstellen, daß er den Räuber Habakuk genauso gerne mag wie den Propheten - wenn du nur guten Willen hast." - "Wo ist er?" fragte der Räuber aufgeregt. "Irgenwo in der Nähe von Bethlehem", sagte die Schnecke. "In diese Richung zieht´s mich seit einiger Zeit. Du kannst ihn gar nicht verfehlen: ein großer Stern steht über seinem Haus." - "Da muß ich hin!" rief der Räuber. Er nahm die Schnecke von seinem Knie, setzte sie ine Gras, suchte seine Siebensachen zusammen und rannte los. "Eile mit Weile", sagte die Schnecke. "Du wirst sehen: Ich komme auch noch rechtzeitig an."

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