Dienstag, 4. Dezember 2007

Die Schnecke geht nach Bethlehem

Heute mit ein bisschen Verspätung, da ich leider mit einem Magen-Darm-Virus flach liege.

Der Wissenschaftler


Gerade hatte die Schnecke ein saftiges Löwenzahnblatt vor ihrer Nase, da fühlte sie sich auf einmal vorsichtig erfaßt und hochgehoben. "Aaah, eine Schnecke. Helix Pomatia, ein seltenes Exemplar der Sorte Antiqua, wie mir scheint, mit sehr interessanter Radula!"

Kurzsichtige Augen hinter starken Brillengläsern näherten sich der Schnecke und betrachteten sie von allen Seiten. Dann wurde sie in eine Büchse gesetzt. Zuerst war sie starr vor Schreck. Dann rief sie empört. "Was erlauben Sie sich?" - "Ich bitte um Respekt", schnarrte der Mann. "Ich bin Wissenschaftler und erforsche die Lebensgewohnheiten der Relix Pomatia Antiqua. Dazu muß ich sie sammeln und studieren, eventuell auch sezieren und etikettieren, schlimmstenfalls aber liquidieren."

"Macht sie das glücklich?", fragt die Schnecke, der allmählich klar wurde, daß mit Helix Pomatia sie gemeint war. "Dumme Frage", antwortete der Wissenschaftler. "Es geht nicht um mein Glück. Es geht um die Wissenschaft und damit um das Heil der Welt." Das kam der Schnecke seltsam vor. "Ich suche das Heil anderswo", sagte sie. "Das ist deine Sache. Aber du irrst dich. Wie ich bereits sagte: Nur die Wissenschaft führt uns zum Heil."

"Darf ich sie noch etwas fragen?" erkundigte sich die Schnecke schüchtern. "Frag nur", ermunterte sie der Wissenschaftler, "von mir kannst du viel lernen." - "Wenn ihre Frau sie zum Essen ruft, ruft sie dann Homo Sapiens?" wollte die Schnecke wissen. "Dumme Frage!" antwortete der Mann. "Natürlich ruft sie Thaddäus. Warum fragst du?" - "Weil ich glaube, daß auch sie nicht allein von der Wissenschaft leben können. Weil ein bißchen Streicheln, eine warme Suppe, ein freundliches Wort oft viel wichtiger sind als alle lateinischen Ausdrücke. Und jetzt lassen sie mich bitte los, ich habe noch einen weiten Weg vor mir."

Verblüfft nahm der Wissenschaftler die Schnecke aus seiner Büchse und setzte sie ins Gras zurück. "Wo mußt du denn hin?" fragte er. "Ich muß zu dem, der meinen wirklichen Namen kennt", sagte die Schnecke. "Tschüß, Thaddäus!"

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